Die Quellen des Glücks

„Vor zwei Jahren erlebte eine Bekannte von mir einen unverhofften Glücksfall. Achtzehn Monate zuvor hatte sie ihre Arbeit als Krankenschwester gekündigt, um für zwei Freunde zu arbeiten, die einen kleinen Pflegedienst gegründet hatten. Der Erfolgskurs der Firma verlief kometenhaft und innerhalb von achtzehn Monaten wurde sie von einem großen Konsortium für eine Riesensumme aufgekauft.

Von den ersten Anfängen der Firma dabei, ging meine Bekannte aus dieser Auszahlung überreich an Aktienkapital hervor. Genug, um sich im Alter von 32 Jahren zur Ruhe zu setzen. Ich traf sie vor nicht allzu langer Zeit und fragte sie, wie ihr der Ruhestand gefalle. „Na ja“, sagte sie, „es ist wunderbar, zu reisen und Dinge zu unternehmen, die ich mir schon immer gewünscht habe. Aber es ist merkwürdig: Nachdem ich die Aufregung über das viele Geld verkraftet hatte, hat sich wieder alles normalisiert. ich meine, die Situation hat sich geändert: Ich habe ein neues Haus und neue Sachen gekauft, aber im Großen und Ganzen glaube ich nicht, dass ich viel glücklicher bin als vorher.“
Ungefähr zu der Zeit, als meine Bekannte aus ihrem Glücksfall Kapital schlug, fand ein Freund desselben Alters heraus, dass er HIV-positiv ist. Wir sprachen darüber, wie er mit seinem HIV-Status fertig wird. „Natürlich war ich zunächst niedergeschmettert.“, sagte er. „Ich brauchte fast ein Jahr, um mich allein mit der Tatsache abzufinden, dass ich das Virus habe. Aber während des letzten Jahres haben sich die Dinge gewandelt: Es scheint, als ob ich aus jedem Tag mehr heraushole als zuvor. Und: Auf einer Augenblicksbasis fühle ich mich glücklicher denn je. Ich weiss das Alltägliche mehr zu schätzen, bin dankbar dafür, dass bisher keine ernsthaften AIDS-Symptome aufgetreten sind. Ich kann mich wirklich an den Dingen erfreuen, die ich habe. Und obwohl es mir lieber wäre, nicht HIV-positiv zu sein, muss ich zugeben, dass es in gewisser Weise mein Leben verändert hat - in einem positiven Sinne.“ „In welcher Hinsicht?“, fragte ich. „Du weisst, dass ich immer ein überzeugter Materialist war. Aber dadurch, dass ich mich während des letzten Jahres mit meiner Sterblichkeit abgefunden habe, hat sich mir eine völlig neue Welt eröffnet. Ich habe das erste Mal in meinem Leben begonnen, die Spiritualität zu erforschen. Ich habe eine Menge Bücher zu diesem Thema gelesen und mit Leuten über diese Thema geredet und habe so viele Dinge entdeckt, die mir nie zuvor in den Sinn gekommen sind. Es ist spannend, einfach nur am Morgen aufzustehen und zu erleben, was der Tag bringt.“ Beide Personen verdeutlichen den entscheidenden Punkt: dass Glück eher durch die eigene Geistesverfassung denn durch äußere Ereignisse bestimmt wird. Erfolg mag uns zeitweilig in eine gehobene Stimmung versetzen. Eine Tragödie mag eine Periode der Depression hervorrufen. Aber früher oder später wird sich unser Gesamtmaß an Glück wieder auf ein gewisses Grundniveau einpendeln.“ (...)
Quelle: „Die Regeln des Glücks“, Dalai Lama, Hörbuch, gelesen von Simon Roden