Gefühlte Einsamkeit greift den Verstand an

Wie stark beeinflusst das soziale Umfeld die Alzheimer-Demenz?

Menschen um sich herum zu haben, fördert die geistige Gesundheit.

Wer im Alter allein ist, ist geistig unterfordert. Aber nicht nur das Alleinsein an sich ist ein Problem: Schon das Gefühl, einsam zu sein, verdoppelt das Risiko, eine Alzheimer-Demenz zu erleiden.

Wie sehr ein Verlust sozialer Kontakte das Denkvermögen beeinträchtigt, wurde bereits wissenschaftlich untersucht. Dabei bestätigte sich der Verdacht, dass ein krankheitsbedingter Rückgang der Verstandesleistung im Alter - eine Alzheimer-Demenz - um so häufiger auftritt, je mehr der Freundes und Bekanntenkreis schrumpft.
Einsamkeit ist jedoch offensichtlich keine Frage des rechnerischen Minus an sozialen Kontakten, sondern ein Gefühlszustand, der stark vom eigenen Empfinden abhängt. Deswegen wollten es amerikanische Forscher wissen: Besteht eine Beziehung zwischen Einsamkeit und Alzheimer-Demenz oder nicht?

Dazu beobachteten sie 823 ältere Menschen aus Seniorenheimen in Chicago und Umgebung über einen Zeitraum von vier Jahren. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in der Fachzeitschrift Archives of General Psychiatry (2007, 64: 234240) veröffentlicht.

Die Teilnehmer fragte man zu Beginn der Studie, ob sie folgenden Selbsteinschätzungen eher zustimmen oder nicht:

- "Ich empfinde ganz allgemein eine innere Leere."
- "Ich vermisse, Menschen um mich herum zu haben."
- "Ich glaube, nicht genug Freunde zu haben."
- "Ich fühle mich oft im Stich gelassen."
- "Ich vermisse einen wirklich guten Freund."

Die Antworten darauf gingen neben Auswertungen von standardisierten Fragebögen in eine Skala ein, anhand der sich das Gefühl der Einsamkeit nachvollziehbar und auswertbar quantifizieren ließ.

Zu Anfang der Untersuchung war bei keiner der beteiligten Personen, die im Schnitt über 80 Jahre alt waren, eine Alzheimer-Demenz festzustellen. Auffällig war lediglich, dass diejenigen, die sich eher einsam fühlten, von Beginn an in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit etwas schlechter eingestuft werden mussten. Aufschlussreich war jedoch die weitere Entwicklung: Bei denjenigen, die sich einsam fühlten, schritt der geistige Verfall wesentlich rascher voran. So wurde am Ende bei doppelt so vielen, die unter Einsamkeit litten, eine Alzheimer-Demenz festgestellt, als bei denen, die nicht darunter leiden mussten.

Die Selbsteinschätzung, einsam zu sein oder nicht, hat sich während der gesamten Untersuchung nicht geändert, betonen die Studien Autoren. Das widerlege die Vermutung, bei der Einsamkeit handele es sich um eine Folge und nicht um eine Ursache der Demenz.
MT 2/2007