Die Falle der ,eigenen Geschichte'
21/März/2008/06:37 Abgelegt in:Psyche
"Sie brauchen Selbstdisziplin, um mit Ihrer Vergangenheit aufzuräumen. Dies ist leichter gesagt als getan. Unsere Erinnerung hat die Tendenz, die Ereignisse so zu verknüpfen und zu bewahren, dass sie uns unsere Würde garantieren. Und je häufiger wir unsere Geschichte erzählen, desto stärker sind wir von ihrem Wahrheitsgehalt überzeugt.
Ich erinnere mich an eine Puppe, geschnitzt aus Holz, die ich als Kind heiß geliebt habe. Doch dann schickten Verwandte aus Kanada eine "richtige" Puppe, eine Kostbarkeit Anfang der fünfziger Jahre. Sie hatte Haare zum Kämmen, konnte Mama sagen, trug ein Ballkleid und besaß ein Alltagskleid Zum Wechseln. Trotz all dieser Vorzüge konnte sie meiner Holzpuppe keine Konkurrenz machen. Ihr Körper war griffig und kräftig, und ihre Glieder baumelten an den Nägeln, die sie mit dem Rumpf verbanden. Das Wichtigste aber war: Ich liebte sie.
Ich erinnere mich an eine Puppe, geschnitzt aus Holz, die ich als Kind heiß geliebt habe. Doch dann schickten Verwandte aus Kanada eine "richtige" Puppe, eine Kostbarkeit Anfang der fünfziger Jahre. Sie hatte Haare zum Kämmen, konnte Mama sagen, trug ein Ballkleid und besaß ein Alltagskleid Zum Wechseln. Trotz all dieser Vorzüge konnte sie meiner Holzpuppe keine Konkurrenz machen. Ihr Körper war griffig und kräftig, und ihre Glieder baumelten an den Nägeln, die sie mit dem Rumpf verbanden. Das Wichtigste aber war: Ich liebte sie.
Diese geliebte Holzpuppe verschwand eines Tages und tauchte erst dreißig Jahre später auf in der Erinnerung während meiner Psychoanalyse. Die Psychoanalyse oder Therapien allgemein haben es an sich, den Boden auf der Schattenseite zu durchpflügen nach Erinnerungen, die verantwortlich gemacht werden für unerfüllte Träume und Wünsche, das Scheitern von Plänen und Projekten, die eigenen Unzulänglichkeiten oder Härten des Lebens.
Und hier war sie: die böse Erinnerung, der Inbegriff dafür, wie wenig ich mich von meiner Mutter geliebt, geschätzt oder in meinen Bedürfnissen gewürdigt gefühlt hatte. SIE hatte eines Tages die Puppe verbrannt. Welche Handlung hätte besser ihr Verhältnis zu mir ausdrücken können als diese Unachtsamkeit? Ja, während der Psychoanalyse rang ich mich dazu durch, ihr dieses als Versehen und nicht als beabsichtigte Böswilligkeit auszulegen. Es war ein Schritt in Richtung Vergebung, aber noch keine Versöhnung.
Eines Tages, als ich meine Übersiedelung in die Findhorn-Gemeinschaft im Nordosten Schottlands vorbereitete, holte meine Mutter ein großes Paket vom Speicher und sagte: "Ich habe dir deine Spielsachen aufbewahrt. Ich dachte, es wäre schön für dich, sie als Erinnerung zu haben." Ein peinlicher Schreck durchfuhr mich, als ich die Kiste durchwühlte. Auf dem Boden lag die Holzpuppe. Sie hatte nichts mehr von dem Glanz der frühen Kindertage, doch hatte sie unversehrt die lange Zeit überstanden.
Der Schock erschütterte die Geschichte von der abgelehnten Tochter und ließ das sorgfältig zusammengefügte Gebäude der Erinnerungen, meine Geschichte, wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Er legte den Blick frei für das, was wirklich geschehen war. Doch sollte es noch einige Jahre tiefer und intensiver Arbeit dauern, bis ich erkennen konnte, dass die Schrecken meiner Kindheit mit meiner Familie nur wenig zu tun gehabt hatten, dass meine Mutter mich so geliebt und geschätzt hatte, wie ich es mir nur wünschen konnte, und dass meine Mutter und ich so menschlich waren wie alle Mütter und Töchter, mit Stärken und Schwächen, persönlichen Herausforderungen, Scheitern und Gelingen.
Diese Geschichte blieb mir eine Warnung, während ich begann, anderen Menschen zuzuhören, die mir in therapeutischen Sitzungen ihren Werdegang berichteten. Ich wusste nun um die Täuschungsmanöver der Erinnerung, die sich einzelne Aspekte wählt und so zusammensetzt, dass sie unsere Grundüberzeugungen aufrechterhält. Und je häufiger wir unsere ,Story' anderen erzählen, umso stärker sind wir von ihrem Wahrheitsgehalt überzeugt. Ich stellte fest, dass ich andere Menschen umso mehr darin unterstützen konnte, ihre Geschichte aufzugeben, je tiefer ich in die Konstruktion meiner eigenen Erlebniswelt eindrang und sie auflöste.
Dies ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Wir sind oft grundlegend an unsere Darstellung der Wirklichkeit gebunden. Sie gibt uns Identität, entschuldigt unsere Schwächen und rechtfertigt die menschliche Faulheit. Schließlich sind es ja die anderen, die uns unser Leiden angetan haben. Warum also sollen wir uns anstrengen und unser Leben verändern?
Die eigene Geschichte aufgeben bedeutet, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen für das, was uns zugestoßen ist, und das, was wir daraus machen. Dazu ist es oft notwendig, dass wir unsere Perspektiven erweitern von der Ebene der Persönlichkeit hin zur Ebene der Seele, dem höheren Plan, der unsere Geschicke leitet.
Schritte zur Verantwortung
Um die Ereignisse in neuem Licht zu sehen, müssen Sie aus Ihrer Geschichte aussteigen. Ein erster Schritt liegt darin, ausfindig zu machen, wie Sie die Situationen herstellen, die Ihnen immer wieder geschehen. Dies erfordert etwas Übung, besonders wenn Ihr Leben unter dem Motto steht, dass die anderen für Ihr Leiden verantwortlich sind. (...)"
Quelle: Buch: "Prinzip Lebensfreude", Dr. Ulla Sebastian
Und hier war sie: die böse Erinnerung, der Inbegriff dafür, wie wenig ich mich von meiner Mutter geliebt, geschätzt oder in meinen Bedürfnissen gewürdigt gefühlt hatte. SIE hatte eines Tages die Puppe verbrannt. Welche Handlung hätte besser ihr Verhältnis zu mir ausdrücken können als diese Unachtsamkeit? Ja, während der Psychoanalyse rang ich mich dazu durch, ihr dieses als Versehen und nicht als beabsichtigte Böswilligkeit auszulegen. Es war ein Schritt in Richtung Vergebung, aber noch keine Versöhnung.
Eines Tages, als ich meine Übersiedelung in die Findhorn-Gemeinschaft im Nordosten Schottlands vorbereitete, holte meine Mutter ein großes Paket vom Speicher und sagte: "Ich habe dir deine Spielsachen aufbewahrt. Ich dachte, es wäre schön für dich, sie als Erinnerung zu haben." Ein peinlicher Schreck durchfuhr mich, als ich die Kiste durchwühlte. Auf dem Boden lag die Holzpuppe. Sie hatte nichts mehr von dem Glanz der frühen Kindertage, doch hatte sie unversehrt die lange Zeit überstanden.
Der Schock erschütterte die Geschichte von der abgelehnten Tochter und ließ das sorgfältig zusammengefügte Gebäude der Erinnerungen, meine Geschichte, wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Er legte den Blick frei für das, was wirklich geschehen war. Doch sollte es noch einige Jahre tiefer und intensiver Arbeit dauern, bis ich erkennen konnte, dass die Schrecken meiner Kindheit mit meiner Familie nur wenig zu tun gehabt hatten, dass meine Mutter mich so geliebt und geschätzt hatte, wie ich es mir nur wünschen konnte, und dass meine Mutter und ich so menschlich waren wie alle Mütter und Töchter, mit Stärken und Schwächen, persönlichen Herausforderungen, Scheitern und Gelingen.
Diese Geschichte blieb mir eine Warnung, während ich begann, anderen Menschen zuzuhören, die mir in therapeutischen Sitzungen ihren Werdegang berichteten. Ich wusste nun um die Täuschungsmanöver der Erinnerung, die sich einzelne Aspekte wählt und so zusammensetzt, dass sie unsere Grundüberzeugungen aufrechterhält. Und je häufiger wir unsere ,Story' anderen erzählen, umso stärker sind wir von ihrem Wahrheitsgehalt überzeugt. Ich stellte fest, dass ich andere Menschen umso mehr darin unterstützen konnte, ihre Geschichte aufzugeben, je tiefer ich in die Konstruktion meiner eigenen Erlebniswelt eindrang und sie auflöste.
Dies ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Wir sind oft grundlegend an unsere Darstellung der Wirklichkeit gebunden. Sie gibt uns Identität, entschuldigt unsere Schwächen und rechtfertigt die menschliche Faulheit. Schließlich sind es ja die anderen, die uns unser Leiden angetan haben. Warum also sollen wir uns anstrengen und unser Leben verändern?
Die eigene Geschichte aufgeben bedeutet, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen für das, was uns zugestoßen ist, und das, was wir daraus machen. Dazu ist es oft notwendig, dass wir unsere Perspektiven erweitern von der Ebene der Persönlichkeit hin zur Ebene der Seele, dem höheren Plan, der unsere Geschicke leitet.
Schritte zur Verantwortung
Um die Ereignisse in neuem Licht zu sehen, müssen Sie aus Ihrer Geschichte aussteigen. Ein erster Schritt liegt darin, ausfindig zu machen, wie Sie die Situationen herstellen, die Ihnen immer wieder geschehen. Dies erfordert etwas Übung, besonders wenn Ihr Leben unter dem Motto steht, dass die anderen für Ihr Leiden verantwortlich sind. (...)"
Quelle: Buch: "Prinzip Lebensfreude", Dr. Ulla Sebastian