Mehr Hirn heißt nicht mehr Grips

Ständig werden im Gehirn die Verbindungen zwischen den Zellen umorganisiert und neu entstandene Zellen in das Netzwerk integriert. Welche Rolle die Entstehung neuer Nervenzellen im Gehirn bei der Reorganisation neuronaler Strukturen spielt. haben Forscher des Max-Planck-Instituts in Göttingen untersucht. Sie belegten, dass zusätzliche Gehirnzellen nicht immer die Lernfähigkeit erhöhen.

Zu viele neue Zellen können das Knüpfen weiterer Verbindungen im Gehirn sogar hemmen. Das Team untersuchte den Zusammenhang zwischen Zellteilung und neuronalen Verknüpfungen im Langzeitgedächtnis-Zentrum Hippokampus von Wüstenrennmäusen. Er zeichnet sich dadurch aus, dass hier ein Leben lang sehr viel Zellteilung und neuronale Reorganisation stattfindet.

Wenn Wüstenrennmäuse isoliert und mit wenig Anregung großgezogen werden, entwickeln sie Verhaltensstörungen: Sie sind ängstlich und zeigen stereotypes Verhalten. Das geht einher mit anatomischen Anomalien in der Struktur des Gehirns, es werden nicht genügend neue Verbindungen geknüpft. Dieser Mangel an struktureller Reorganisation ist auf eine zu starke Zellteilung zurückzuführen. Die strukturelle Reorganisation im Gehirn dieser Mäuse lässt sich nahezu auf ein Normalmaß steigern, wenn die Zellteilung künstlich verringert wird. Freie neuronale Kontakte sind eine Voraussetzung dafür, dass sich das neuronale Netzwerk umorganisieren kann. Neue Zellen, die gerade erst aus einer Zellteilung hervorgegangen sind, produzieren "neurotrophe Faktoren", die solche Kontakte anziehen. Auf diese Weise werden die neuen Zellen ins Netzwerk integriert. Gibt es aber zu viele neue Zellen, werden alle vorhandenen KontaktsteIlen besetzt - eine anschließende Reorganisation zwischen den bereits bestehenden Zellen wird dadurch behindert. Das führt zu einer falschen Organisation des Netzwerks. Eine solche Fehlorganisation, so spekulieren die Forscher, kann auch zu Epilepsie führen.

Quelle: Der Kassenarzt Nr. 12 / Juni 2008