Karotten können Antibiotika ersetzen

Vor rund 100 Jahren lag die Überlebenschance eines Heimkindes, das an Diarrhoe erkrankte, bei schmalen 5 %. Da kein Mittel vorlag, die Erreger zu stoppen, verloren die erkrankten Kinder zu schnell zu große Mengen Wasser und Mineralien. Die tragische Situation besserte sich erst mit Einführung einer speziellen Karottensuppe, mit der der Ordinarius der Heidelberger Kinderklinik Professor Ernst Moro 1908 gute Erfolge bei der Bekämpfung der Diarrhoe erzielte. Das Wirkprinzip indes blieb lange verschlüsselt.

Forscher der Universitätsklinik Erlangen haben zusammen mit Wiener Kollegen enträtseln können, warum bestimmte Inhaltsstoffe von Karotten, aber auch Äpfeln, Heidel-und Preiselbeeren Durchfälle zum Abklingen bringen können. Aus über 100 Inhaltsstoffen identifizierten sie das wirksamste Kohlenhydrat, die so genannten Oligogalakturonsäuren, die den von den Bakterien angesteuerten GAL-1-4-GAL-Rezeptor besetzen können. Diese Säuren können bereits in Konzentrationen von lediglich 0,005 % Bakterien in ihrer Haftung vollständig blockieren, was prophylaktisch gegen Durchfall wirkt. Bei Kindern reduzieren die Karotteninhaltsstoffe außerdem die durchschnittliche Durchfalldauer von 4-7 Tagen auf etwa 28 h. Das wirksamste Molekül in den Karotten wird aber erst durch längeres Kochen freigesetzt, ein Biss in die feldfrische Karotte nutzt hier wenig.

Die neuen Erkenntnisse könnten auch für die Landwirtschaft von Interesse sein. „Gerade in der Nutztierhaltung werden viele Antibiotika eingesetzt, beispielsweise, um Massendurchfälle zu vermeiden. Bei Schweinen konnten wir zeigen, dass unser Kohlenhydrat die Durchfallrate auf 12 % senkte, und damit den Antibiotika deutlich überlegen war,“ erläutert Dr. Guggenbichler, ehemals Leiter der Universitätskinderklinik Erlangen.

Rezept für die Moro’sche Karottensuppe von 1908:
500 g geschälte Karotten in 1 l Wasser 1 h kochen, durch ein Sieb drücken oder im Mixer pürieren. Die Gesamtmenge auf 1 l Wasser auffüllen. 3 g Kochsalz hinzufügen. Fertig. Kein Hochgenuss, aber vor 100 Jahren für viele Kinder ein zuverlässiger Lebensretter.