Ein Märchen aus 1001 Praxis?

Der Sultan erkrankte. Das Gefolge war entsetzt, das Gefolge frohlockte. Sein Leiden fesselte ihn ans Bett. Die Ärzte begannen ihn zu behandeln. Tag für Tag versuchten sie, etwas zu tun, aber besser wurde es nicht.
Es vergingen Tage, es vergingen Monate, es vergingen Jahre, aber völlig gelähmt, wie er war, lag er immer noch danieder. So viele Staaten hatte er unterworfen, was für Völker hatte er nicht in die Knie gezwungen! Nachdem er die halbe Welt erobert hatte, war er machtlos vor der eigenen Krankheit.
Einmal geriet er vor Hilflosigkeit in Wut:
»Schlagt allen Ärzten, die mir nicht helfen konnten, die Köpfe ab und legt sie an der Stadtmauer nieder.«

Die Zeit verging. Und die kilometerlange Stadtmauer erbleichte von der Unzahl eingetrockneter Schädel gelehrter Männer. Einmal rief der Sultan seinen Großwesir: »Wesir! Wo sind deine Ärzte?«
»Mein Gebieter! Es sind keine mehr da. Ihr habt ja selbst befohlen, sie hinzurichten.«
»Ist denn wirklich kein einziger mehr da?«
»Nein. Im ganzen Reich ist kein einziger Arzt geblieben, der Eures Blickes würdig ist.«
»Geschieht ihnen recht. .. «
Und es folgten wieder lange freudlose Tage. Einmal fragte der Sultan wieder:
»Wesir, erinnerst du dich, es ist kein Arzt geblieben, der meines Blickes würdig ist? Erklär mir, was das bedeutet.«
»Mein Gebieter, in unserem Reich ist doch ein einziger Arzt geblieben. Er lebt nicht weit von hier.«
»Kann er denn heilen?«
»Er kann es. Ich war bei ihm, doch er ist unerzogen und unkultiviert, er ist ein Grobian! Wenn er den Mund aufmacht, kommt nur Unflat heraus. Aber kürzlich hat er gesagt, er kennt das Geheimnis der Heilung des Herrschers.«
»Warum hast du mir nichts gesagt?«
»Wenn ich ihn bringe, werdet Ihr, mein Gebieter, mich hinrichten lassen wegen seines Benehmens.«
»Ich verspreche, dass ich das nicht machen werde. Schaff ihn her!«
Nach einiger Zeit brachte der Wesir den Arzt. »Man sagt, du kannst heilen?« Keine Antwort.
»Warum schweigst du? Antworte!«, befahl der Sultan. »Mein Gebieter, ich hab ihm verboten, den Mund zu öffnen«, sagte der Wesir.
»Sprich, ich erlaube es! Und? Sag bloß, deine Fähigkeiten genügen, um mich zu heilen?«
»Geht dich einen feuchten Dreck an! Du kannst an meinen Fähigkeiten zweifeln, den Staat zu lenken, weil du der Herrscher bist. Aber was hast du mit deinem Staatsverstand in der Medizin zu suchen? Wie willst du dich da zurechtfinden? Du bist groß in deiner Arbeit, aber in der Medizin bist du nicht besser als ein Schuster.«
»Wache!«, brüllte der Sultan vor Wut. »Haut ihm den Kopf ab ... Nein ... Erst setzt ihn auf einen Pfahl, dann schüttet siedendes Öl über ihn, und dann schlagt ihn in kleine Stücke.«
Die Wache packte den Arzt, band ihm die Hände und schleppte ihn zum Ausgang, er aber blickte über die Schulter und sagte spöttisch:
»Hör zu! Ich bin deine letzte Hoffnung! Du kannst mich töten, doch außer mir ist niemand mehr hier, der dich heilen könnte. Ich aber könnte dich heute noch auf die Beine stellen.« Der Sultan besänftigte sich augenblicklich:
»Wesir! Bring ihn zurück!« Sie brachten den Arzt zurück.
»Beginne mit der Behandlung. Du hast gesagt, dass du mich heute noch auf die Beine stellst.«
»Aber vorher musst du meine drei Bedingungen annehmen, danach erst fange ich mit der Behandlung an.«
Der Sultan unterdrückte den nächsten Wutanfall, biss wütend die Zähne zusammen und zischte:
»Sprich! «
»Befiehl, dass man vor dem Stadttor das schnellste Rennpferd des ganzen Reiches und einen kleinen Sack Gold bereitstellt. «
»Wozu?«
»Als Geschenk für mich, ich liebe Pferde.«
»Wenn du mich heilst, schenke ich dir eine Herde von vierzig Pferden, die mit Goldsäcken beladen sind.«
»Das kommt später. Die kannst du mir nachschicken.
Meine zweite Bedingung ist, dass während der Behandlung niemand im Palast bleibt.«
»Wozu das?«
»Bei der Behandlung könntest du Schmerzen haben, du wirst schreien, und niemand soll dich schwach sehen.«
»Gut! Was noch?«
»Drittens, dass deine Diener bei Strafe des Todes nicht auf deinen Ruf hören und erst nach einer Stunde deinen Befehlen folgen.«
»Erklär mir das!«
»Sie könnten mich behindern, und die Behandlung könnte nicht zu Ende geführt werden.«
Der Sultan akzeptierte die Bedingungen und schickte alle aus dem Palast. Sie blieben allein.
»Fang an!«
»Womit soll ich anfangen, du alter Esel? Wer hat dir gesagt, dass ich heilen kann? Du bist mir in die Falle gegangen. Ich habe eine Stunde Zeit. Ich hab so lange auf einen passenden Augenblick gewartet, um dich zu bestrafen, du widerlicher Blutsauger! Ich habe drei alte Träume, drei heilige Wünsche. Der erste - dir in deine Sultansfresse zu spucken!«
Und der Heiler spuckte dem Sultan von ganzem Herzen, mit vollem Genuss mitten ins Gesicht.
Da erblasste der Herrscher vor Entrüstung und Hilflosigkeit, als er begriff, in welche Lage er geraten war. Er begann den Kopf zu bewegen, um irgendwie dieser unerhörten Niedertracht zu widerstehen.
»Ach, du fauler Klotz, du alter stinkender Rüde, du rührst dich noch? Pfui und wieder pfui sag ich dir! Mein zweiter Traum war es ... Ach, wie lange schon wollte ich in deine Sultansfratze pissen!«
Und er begann, seinen zweiten heiligen Wunsch zu verwirklichen.
»Wache! Her zu mir! «, brüllte der Sultan, aber er verschluckte sich an dem Urin. Er versuchte, mit seinem Kopf dem Strahl auszuweichen, begann die Schultern hochzuziehen, um sich mit den Zähnen in den Beinen seines Beleidigers zu verbeißen. Die Wache hörte den Ruf, aber wagte es nicht, sich seiner Anordnung zu widersetzen.
»Oh du elendes Vieh«, sagte der Heiler und trat ihn mit dem Fuß. Der Sultan empfing den Schlag und fühlte den Schmerz. Er erinnerte sich plötzlich, dass neben seinem Kissen ein Tisch mit Waffen stand. Gleich würde er sein Schwert ergreifen und dem Majestätsbeleidiger die Beine abhacken. Getrieben von dem einzigen Wunsch, den Unhold zu bestrafen, begann er nach der Waffe zu greifen.
»Du regst dich also noch immer?«, bemerkte der Heiler verächtlich. »Mein dritter Wunsch ... «
Aber als der Sultan den dritten Wunsch dieses Usurpators hörte, brüllte er los wie ein verletztes Tier und knirschte mit den Zähnen! Mit titanischer Anstrengung bewegte er sich vom Platz, stützte sich mit den Ellbogen auf den Boden und robbte zu der Waffe.
»Ich steche dich ab!«, brüllte er, »höchstpersönlich schneide ich dich in Stücke!!«
An die Wand gestützt, erhob er sich auf seine tauben Füße und erreichte den Waffentisch. Mit zitternden Händen zog er das Schwert, aber als er sich umdrehte, war keiner mehr im Palast. Mit letzter Kraft schaffte er es bis zur Veranda.
Ach, wie bedauerte er, dass er diesem Feigling in die Falle gegangen war und ihm das schnellste Rennpferd gegeben hatte. Er sah die Hoffnungslosigkeit seiner Lage, schleppte sich zu dem erstbesten Pferd und versuchte, in den Sattel zu steigen. Aber die Kraft reichte nicht! Die Kraft reichte nicht! Er klammerte sich mit den Zähnen an die Mähne, zog sich mit seinen schwachen Händen hoch und setzte sich in den Sattel.
Der Geist des großen Kriegers war erwacht, der Geist des großen Herrschers war erwacht, der Geist des großen Feldherrn war erwacht.
»Wo ist er?«, schrie er die umstehenden Diener an.
Die aber hatten Angst, auch nur ein Wort zu sagen, und zeigten nur mit ihren Köpfen in die Richtung, wohin der Flüchtling geritten war.
Der Sultan machte sich an die Verfolgung. Mit jeder Minute fühlte er, wie er mehr und mehr an Kraft gewann. Er ritt durch das Stadttor und strebte weiter, Meile um Meile.
Und plötzlich erinnerte er sich: »O Gott! Zwanzig Jahre habe ich nicht im Sattel gesessen! Zwanzig Jahre habe ich keine Pferdemähne vor mir gesehen! Zwanzig Jahre hab ich kein Schwert in der Hand gehalten! Zwanzig Jahre hab ich keinen Wind im Gesicht gespürt!«
Plötzlich hörte er hinter seinem Rücken längst vergessene Geräusche. Das Getrappel von Hufen und begeisterte Schreie näherten sich. Hunderte seiner Heerführer ritten hinter ihm her, zogen die Schwerter und riefen: »Es lebe der Sultan!«
Als sie ihn erreicht hatten, sahen sie, dass er sich im Straßenstaub wälzte, mit Armen und Beinen zuckte und kaum Luft bekam vor Lachen:
»Du Saukerl! Du Hundesohn! Du hast dir deine Goldkarawane verdient!«
Quelle: "Eselsweisheiten - Der Schlüssel zum Durchblick""

Kommentar: Die hier angewandten Behandlungsmethoden sind in der Gebührenordnung für Ärzte - obwohl diese unter Denkmalsschutz stehen müsste ob ihres hohen Alters - leider nicht aufgeführt und werden von uns so auch nicht praktiziert.
Wenn Ihr Stolz Sie daran hindern sollte, Veränderungen in Ihrem Gehirn und in Ihrem Leben einzuleiten als Bedingung für Ihre Gesundung, dann bleiben Sie lieber zu Hause. Sollten Sie zu diesen überaus klugen und gebildeten Menschen gehören, die vom Behandler zunächst den Beweis der Wirksamkeit der Methode an sich selbst abfordern, bevor sie sich einlassen, bleiben Sie ebenfalls lieber zu Hause. Wenn Sie jedoch bereit für Neues sind, einen Wechsel der Blickrichtung als Möglichkeit in Erwägung ziehen, nutzen Sie unsere Angebote oder lassen Sie sich in einem persönlichen Gespräch von uns informieren!